h.yurén ©2006


stichwort-proben aus dem dicksten und teuersten deutschen wörterbuch, das sich "das große" nennt

 

 

   
stichwort kannibalisch
   
kommentar abgesehen von ethnologischer und zoologischer artgenossenverspeiserei, ist das lemma in zwei weiteren kontexten gebräuchlich; dudens und das wörterbuch der ddr sind sich darin einig:
danach gibt es eine abwertende bedeutung und eine scherzhaft verstärkende:
a) "roh, grausam u. brutal: sich jmdm. gegenüber k. benehmen."(dudens)
"unmenschlich, roh, brutal, grausam: Wilde Tiere und kannibalische Bestien habt ihr aus der Jugend gemacht (Kellerm., Totentanz 346)."(ddr)
b) "(intensivierend bei Adj. u. Verben) (scherzh. seltener) überaus , sehr: sich k. wohl fühlen." (dudens)
"(salopp übertrieben scherzh.: sich k. (überaus) wohl fühlen; sich k. freuen; Uns ist ganz kannibalisch wohl, / Als wie fünfhundert Säuen! (Goethe, Faust I 2293)." (ddr)
im vergleich der deutsch-deutschen wörterbücher fällt auf, dass dudens generös auf belege verzichten. andrerseits ist die gesamtdeutsche schnittmenge beachtlich. deutsche mögen "sich kannibalisch wohlfühlen", doch kannibalen, das sind die anderen.
aber was ist kannibalischer: wenn eine spinne eine andere spinne verspeist? oder: wenn deutschsprechende in einem krieg über 20 millionen russischsprechende töten in dem wahn, dort im osten zusätzlichen lebensraum für deutschsprechende zu schaffen?
dass den kannibalen, den säuen und den heiden mehr spaß, freuden und andere wohlgefühle zugetraut werden, ist der tristen christenperspektive aus dem jammertal geschuldet. ein charakterzug des westlichen abendlands.
> alkohol, alleinseligmachend, amboss, andacht, die ethische frage, religion
   
 
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